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EMS beim Pferd: Insulindysregulation verstehen und füttern

Was das Equine Metabolische Syndrom ist, warum Zucker, Fruktan und Stärke die Insulinausschüttung treiben und wie Heu, Weide, Ergänzung und Bewegung nach den Fachleitlinien zusammengehören.

Gezeichnetes Heunetz neben einer Fressbremse und einem Blatt mit einer abfallenden Kurve.
Erklärende Illustration · Equivora

Die kurze Antwort

EMS beschreibt eine Insulindysregulation, die oft mit Fettdepots einhergeht und das Hufreherisiko erhöht 1. Die Diagnose stellt die Tierarztpraxis mit passenden Tests. Für die Fütterung empfehlen die Leitlinien Heu mit weniger als 10 % NSC, kein Getreide, keine Leckerli, begrenzte Weide und eine zuckerarme Ergänzung von Mineralstoffen, Vitaminen und Protein 2.

Was EMS ist

Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) ist ein Bündel aus Insulindysregulation, häufig regionalen oder allgemeinen Fettdepots und einem erhöhten Risiko für Hufrehe 1. Der Kern ist die Insulindysregulation. Übergewicht gehört oft dazu, ist aber weder Voraussetzung noch Beweis: Es gibt Pferde mit Fettdepots ohne EMS und Pferde mit EMS ohne ausgeprägtes Übergewicht.

Die Diagnose gehört in die Tierarztpraxis. Die Fachgruppe empfiehlt dynamische Tests, bei denen die Insulinantwort auf eine definierte Zuckergabe gemessen wird 2. Bei Pferden über zehn Jahren rät sie, zugleich auf PPID (Cushing) zu untersuchen.

Warum Zucker und Stärke zählen

Nichtstrukturkohlenhydrate (NSC), also Zucker, Fruktan und Stärke, sind der wichtigste Auslöser der Insulinausschüttung 2. Bei Pferden mit Insulindysregulation fällt diese Antwort überschießend aus. Darum setzt die Fütterung dort an, wo NSC in die Ration kommt: Heu, Weide, Kraftfutter und Leckerli.

Im Winter sind die Insulinwerte tendenziell höher. Die Leitlinie rät, in dieser Zeit Überfütterung und zusätzliche NSC-reiche Futtermittel zu vermeiden 2.

Die Fütterung nach den Leitlinien

  • Heu mit weniger als 10 % NSC als Basis, berechnet als Summe aus wasserlöslichen Kohlenhydraten und Stärke 2.
  • Kein Getreide, keine Leckerli und keine zuckerreichen Ergänzer 2.
  • Weidegang stark begrenzen oder aussetzen, je nach Befund und Hufrehe-Vorgeschichte 2.
  • Unanalysiertes oder NSC-reiches Heu mindestens 60 Minuten in kaltem Wasser einweichen 2; längeres Wässern wäscht mehr Mineralstoffe aus 34.
  • Protein, Mineralstoffe und Vitamine mit einer zuckerarmen Ergänzung ausgleichen 21.

Abnehmen mit Begleitung

Ist das Pferd zu dick, gehört eine kontrollierte Gewichtsabnahme dazu. Der EMS-Konsens beschreibt sie als Programm mit Monitoring und individueller Anpassung, nicht als pauschale Heu-Kürzungsformel 1. Die Untergrenze für Raufutter gilt weiter.

Körperzustand und Gewicht im Verlauf zu dokumentieren hilft, Fortschritt und Rückschläge zu sehen 5. Bewegung gehört dazu, muss aber bei Hufrehe individuell abgestimmt sein 1.

Was Zusätze leisten

Zu Magnesium und Chrom beschreibt der EMS-Konsens einzelne Hinweise auf eine verbesserte Insulinregulation, die andere Studien nicht bestätigt haben 1. Ein Ergänzungsfutter ersetzt weder Diagnose noch Futterumstellung.

Wichtiger ist die Grundversorgung. Wird die Ration knapper oder das Heu gewässert, können Protein, Mineralstoffe und Vitamine fehlen 1. Welche Lücken entstehen, zeigt eine Rechnung mit deinen Heuwerten.

Das kannst du mitnehmen

  • Übergewicht ist kein Beweis für EMS, und EMS gibt es auch ohne ausgeprägtes Übergewicht 1.
  • Zucker, Fruktan und Stärke (NSC) sind der wichtigste Auslöser der Insulinausschüttung 2.
  • Heu mit weniger als 10 % NSC ist die Basis; ohne Analyse weißt du den Wert nicht 2.
  • Eine eingeschränkte Ration braucht einen gezielten Ausgleich von Protein, Mineralstoffen und Vitaminen 1.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich EMS beim Pferd?

Fettpolster am Mähnenkamm oder an der Schweifrübe und eine Hufrehe-Vorgeschichte können Hinweise sein, beweisen aber nichts 1. Ob eine Insulindysregulation vorliegt, zeigen tierärztliche Untersuchungen, etwa ein dynamischer Insulintest 2.

Ist EMS dasselbe wie Insulinresistenz?

Nicht ganz. Die Fachleitlinien sprechen von Insulindysregulation. Der Begriff umfasst eine überschießende Insulinantwort auf Futter ebenso wie eine verminderte Empfindlichkeit des Gewebes für Insulin 1.

Muss ich das Heu für ein EMS-Pferd wässern?

Wenn das Heu mehr als 10 % NSC hat oder nicht analysiert ist, nennt die Leitlinie mindestens 60 Minuten Einweichen in kaltem Wasser 2. Dabei gehen auch Mineralstoffe verloren, je länger, desto mehr 3. Eine Heuanalyse spart dir das Raten.

Darf ein Pferd mit EMS auf die Weide?

Nur begrenzt und abgestimmt mit der Tierarztpraxis. Eine Fressbremse kann die Grasaufnahme senken, ihr Effekt ist aber von Pferd zu Pferd verschieden 67. Nach einer Hufrehe kommt die Weide erst nach dem Abklingen und auf Basis eines Insulintests zurück 2.

Quellen & Studien

Die Inhalte basieren auf den unten genannten Referenzen. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.

Quellenliste anzeigen (7)
  1. Durham AE et al. (2019): ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. Journal of Veterinary Internal Medicine 33:335–349Abschnitte 2–3 und 7: Übergewicht ist keine EMS-Diagnose; Rationsanpassung, Monitoring und Bewegung müssen bei Risikopferden tierärztlich begleitet werden. Klinische Restriktionsprotokolle werden nicht als allgemeine Halterempfehlung übernommen.
  2. Bertin FR, Bailey S, Burns T, de Laat M, Durham A, Frank N, Kritchevsky J, Menzies-Gow N (Equine Endocrinology Group, 2024): Recommendations for the Diagnosis and Management of Equine Metabolic Syndrome (EMS) and Insulin Dysregulation. Revised June 2024Tierärztliche Expertenempfehlung, geprüft am 30.09.2026. Tab. 1: HAL ist mit über 90 % die häufigste Hufreheform; NSC = wasserlösliche Kohlenhydrate plus Stärke, NFC-Subtraktionsformeln nicht mehr empfohlen; NSC als Hauptauslöser der Insulinausschüttung. Risikofaktoren: NSC-reiche Ration, Alter, PPID; Übergewicht verstärkend, aber nicht konstant. Tab. 5: Heu < 10 % NSC; zur Gewichtsabnahme 1,5 % der Körpermasse als Trockensubstanz (1,7 % wie gefüttert), Kontrolle alle 30 Tage, Untergrenze 1,2 %; Stress vermeiden wegen Hyperlipämierisiko; Stroh bis ca. 50 % schrittweise; Heu ≥ 60 Min. in kaltem Wasser wässern, wenn NSC > 10 % oder nicht analysiert; Heunetz/kleine Mahlzeiten; zuckerarmer Mineral-/Vitamin-/Proteinausgleich; Weide begrenzen, Wiederaufnahme erst nach abgeklungener Rehe und Insulintest; Weide-NSC schwankt mit Temperatur, Licht, Niederschlag, Düngung; höhere Insulinwerte im Winter; Bewegung nur ohne aktive Hufrehe. FAQ: Insulindysregulation bei etwa 30 % der PPID-Pferde; ab 10 Jahren auf PPID und ID testen. Empfehlung für Tierärzte, keine Halteranleitung.
  3. Martinson K, Jung H, Hathaway M, Sheaffer C (2012): The effect of soaking on protein and mineral loss in Orchardgrass and Alfalfa hay. Journal of Equine Veterinary Science 32(12):776–782Wässern (15–60 Min. bzw. 12 Std.) reduziert Kalium (bis 80 %), Phosphor (bis 65 %) und Magnesium (bis 45 %) je nach Dauer/Temperatur; Rohprotein-Effekt uneinheitlich/gering
  4. Longland AC, Ince J, Harris PA (2011): Effects of soaking on the water-soluble carbohydrate and crude protein content of hay. Veterinary Record 168(23):618Wässern (bis 16 Std., ~8 °C) senkt wasserlösliche Kohlenhydrate im Mittel um 27 % (Bandbreite 6–54 %, Fruktan ~24 %), Rohprotein bleibt statistisch unverändert
  5. Henneke DR, Potter GD, Kreider JL, Yeates BF (1983): Relationship between condition score, physical measurements and body fat percentage in mares. Equine Veterinary Journal 15(4):371–372Originalpublikation zum Body Condition Score; bibliografisch geprüft. Die Anwendung und Grenzen werden ergänzend durch pferdespezifische Fachübersichten belegt.
  6. Longland AC, Barfoot C, Harris PA (2011): The effect of wearing a grazing muzzle vs not wearing a grazing muzzle on pasture dry matter intake by ponies. Journal of Equine Veterinary Science 31(5–6):282–283Fressbremse senkte die Weideaufnahme von Ponys bei 8–15 cm Aufwuchshöhe um rund 83 %; gemessen über wenige Stunden, ohne Erfassung der Tagesaufnahme oder des Gewichtsverlaufs
  7. Glunk EC, Sheaffer CC, Hathaway MR, Martinson KL (2014): Interaction of Grazing Muzzle Use and Grass Species on Forage Intake of Horses. Journal of Equine Veterinary Science 34(7):930–933Fressbremse senkte die Weideaufnahme bei 15–20 cm Aufwuchshöhe um im Mittel rund 30 % – deutlich weniger als bei Longland et al. (2011). Die Spanne zwischen beiden Studien ist zu groß für einen belastbaren Rechenfaktor