Nährstoffe im Detail9 Min. Lesezeit
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Salz und Elektrolyte beim Pferd

Salz ist eine Dauerbaustelle, ein Elektrolytpräparat ist es nicht. Wie die Grundversorgung nach Coenen/Vervuert und zusätzliche Schweißverluste zusammenwirken und warum ein Leckstein ein Angebot, aber keine Dosierung ist.

Ein Salzleckstein und ein sauberer Wassereimer am Paddockzaun, dahinter steht ein Pferd.
Erklärende Illustration · Equivora

„Elektrolyte“ ist ein Sammelbegriff, und genau da beginnt die Verwirrung. Dahinter stecken vor allem drei Stoffe – Natrium, Chlorid und Kalium –, die sich in der Fütterung völlig unterschiedlich verhalten. Zwei davon sind normalerweise reichlich vorhanden. Nur einer wird regelmäßig knapp.

Deshalb hilft eine klare Trennung: Eine Natriumquelle braucht dein Pferd das ganze Jahr über. Ein Elektrolytpräparat über reines Salz hinaus braucht es nur dann, wenn tatsächlich viel Schweiß fließt. Diese beiden Sätze werden im Marketing gern zu einem verschmolzen – zu Unrecht.

Grundversorgung nach Coenen/Vervuert

Für erwachsene Pferde rechnen wir die Grundversorgung mit Natrium, Chlorid und Kalium nach Coenen/Vervuert über das metabolische Körpergewicht. Je kg Körpergewicht hoch 0,75 sind das 0,187 g Natrium, 0,235 g Chlorid und 0,203 g Kalium am Tag.

Bei 500 kg ergeben sich rund 19,8 g Natrium, 24,8 g Chlorid und 21,5 g Kalium. Bei 600 kg sind es rund 22,7 g Natrium, 28,5 g Chlorid und 24,6 g Kalium. Der Ruheschweiß ist in dieser Grundversorgung bereits berücksichtigt und wird nicht ein zweites Mal addiert.

Diese Berechnung gilt für erwachsene Pferde in Erhaltung und Arbeit. Zucht und Wachstum bleiben außerhalb dieser Umstellung und gehören in die fachliche Beratung.

Grundfutter und die üblichen Kraftfutter liefern häufig wenig Natrium. Deshalb ist eine abgemessene Salzquelle keine rein saisonale Maßnahme, sondern Teil der planbaren Grundversorgung.

Chlorid und Kalium: fast immer gedeckt

Chlorid wird beim Pferd gut aufgenommen und über die Niere effizient rückresorbiert. In raufutterbasierten Rationen ist es oft bereits reichlich vorhanden, bei deutlichen Schweißverlusten steigt der Bedarf jedoch zusätzlich.

Kalium liefert Raufutter meist reichlich. Die zusätzlichen Verluste bei Arbeit sind real, bleiben bei einer typischen Heuration aber häufig durch das Grundfutter gedeckt. Deshalb enthält das Salzmodul Natriumchlorid und keinen pauschalen Kaliumzusatz.

Was der Schweiß tatsächlich kostet

Pferdeschweiß enthält viel Natrium, Chlorid und Kalium. Für die Bedarfsrechnung werden je Liter Leistungsschweiß zusätzlich 4,0 g Natrium, 5,5 g Chlorid und 1,6 g Kalium angesetzt.

Diese Leistungswerte kommen zur Grundversorgung hinzu. Für ein 600-kg-Pferd ergeben sich damit rund 34,7 g Natrium bei leichter, 50,7 g bei mittlerer, 78,7 g bei schwerer und 106,7 g bei sehr schwerer Arbeit.

Für Calcium und Magnesium gibt es dagegen keinen arbeitsbedingten Zuschlag. Ein pauschaler Mehrbedarf an allen Mineralstoffen lässt sich aus stärkerem Schwitzen nicht ableiten.

Der Leckstein ist ein Angebot, keine Dosierung

Das ist der praktisch folgenreichste Punkt des Artikels. Pferde nehmen freiwillig sehr unterschiedlich viel Salz auf: In einer Langzeitmessung über bis zu 45 Wochen lag die Aufnahme zwischen 19 und 143 g pro Tag. Manche nahmen gar nichts auf. In einer Untersuchung an sechs Sportpferden reichte die Spanne von 0 bis 62 mg je kg Körpermasse und Tag.

An der Darreichungsform liegt es dabei nicht: Ein Vergleich von Leckstein und losem Salz an 16 Pferden fand keinen Effekt der Form, aber einen deutlichen Tiereffekt. Die Aufnahme reichte von 2 bis 135 g pro Tag, und über die Hälfte der Pferde nahm weniger auf, als ihr Bedarf erfordert hätte.

Wann ein Präparat mehr kann als Salz

Sinnvoll wird ein Elektrolytpräparat dort, wo wirklich große Schweißmengen anfallen und der Ersatz unmittelbar rund um die Belastung erfolgen soll. Alles, was über Tage planbar ist, lässt sich über abgemessenes Kochsalz im Futter abbilden.

Zwei Dinge lohnen dabei den Blick aufs Etikett. Erstens die Osmolarität: Orale Lösungen sollen hypoton sein. Als Zielwert werden rund 200 mOsm/l genannt, weil höhere Konzentrationen die Magenentleerung hemmen können. Zweitens der Zuckeranteil. Ob Dextrose die Aufnahme verbessert, ist nicht abschließend geklärt.

Die schlichte Rechnung dahinter bleibt: Je mehr Zucker im Produkt steckt, desto weniger Elektrolyt steckt in derselben Portion. Steht Dextrose oder Traubenzucker vorn in der Zusammensetzung, brauchst du eine größere Portion für dieselbe Menge Natrium.

Die Applikationsform entscheidet über das Risiko

Zu Elektrolyten und Magenschleimhaut gibt es zwei kontrollierte Studien, die auf den ersten Blick gegensätzlich wirken – tatsächlich untersuchen sie zwei völlig verschiedene Praktiken.

In der einen bekamen 14 Pferde stündlich über acht Stunden 56,7 g Elektrolytpulver in nur 60 ml Wasser per Maulspritze; Anzahl und Schweregrad von Läsionen im nichtdrüsigen Magenabschnitt stiegen. In der anderen erhielten 15 Hengste über zweimal 19 Tage täglich 600 g Kochsalz-Pellet mit dem Futter, ohne klinisch relevante negative Effekte auf die Magenschleimhaut.

Die belegbare Aussage lautet also nicht „Elektrolyte schaden dem Magen“, sondern: hochkonzentriert, wiederholt und ohne Futter per Spritze ist etwas anderes als abgemessenes Salz im Trog. Eine hohe Salzgabe gehört begründet, nicht gewohnheitsmäßig.

Quellen & Studien

Die Inhalte basieren auf den unten genannten Referenzen. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.

Quellenliste anzeigen (18)
  1. Merck Veterinary Manual: Nutritional Requirements of Horses and Other EquidsWiedergabe der NRC-Empfehlungen: Wasserbedarf 5 Liter je 100 kg Körpermasse und Tag in Erhaltung, Schweißverluste rund 3,1 g Natrium, 5,3 g Chlorid und 1,6 g Kalium je Liter, Salzempfehlung 1,6–1,8 g je kg Futtertrockenmasse bei maximal 6 % der Ration; ab 50 % Raufutteranteil ist Kalium ausreichend gedeckt. Deckt außerdem den Selenbedarf ab (0,1 mg/kg Futtertrockenmasse bzw. mindestens 1 mg/Tag beim 500-kg-Pferd, Selen als Bestandteil der Glutathionperoxidase gemeinsam mit Vitamin E) sowie die starke standortabhängige Streuung des Grundfutter-Selens (Grasfutter im Mittel 0,194 ppm, Spanne 0–1,2 ppm); einzelne Regionen sind ausgeprägt selenarm und können Ergänzungsbedarf haben. Nennt zudem den Jodbedarf (0,35 mg/kg Futtertrockenmasse, hochtragende Stuten 0,4), die Jodvergiftung tragender Stuten schon ab rund 40 mg/Tag, dokumentierte Kropffälle bei Stuten und ihren Fohlen im Zusammenhang mit großen Mengen getrockneter Seealge (Kelp), dass jodiertes Salz den Bedarf leicht deckt und dass außer in stark jodarmen Regionen eine Jod-Ergänzung meist nicht nötig ist
  2. Maier I, Kienzle E (2025): A Meta-Analysis on Quantitative Sodium, Potassium and Chloride Metabolism in Horses and Ponies. Animals 15(2):191Meta-Analyse zu Na-, K- und Cl-Stoffwechsel; Natrium und Chlorid sind die schweißrelevanten Elektrolyte und werden gemeinsam betrachtet. Chlorid wird nahezu vollständig absorbiert (Median 94 % bei Pferden, 98 % bei Ponys); die publizierten Natrium-Erhaltungsempfehlungen für ein 500-kg-Pferd spannen sich über 3 bis 13 g pro Tag
  3. GfE (2014) – Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von PferdenFachreferenz im deutschsprachigen Raum (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie), Ausschuss für Bedarfsnormen
  4. NRC – Nutrient Requirements of Horses, 6th ed.Internationale Referenz für Nährstoffbedarfe von Pferden (National Research Council)
  5. Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Gruber Tabelle zur PferdefütterungPraxis-Referenztabelle mit Bedarfs- und Futterwerten auf Basis der GfE-Empfehlungen; Grundlage vieler Rationsberechnungen im deutschsprachigen Raum. Kapitel 9.3, Tab. 39: häufigste Giftpflanzen für Pferde mit Standort, Toxizität und Risikostufe (nach Kamphues et al. 2014)
  6. Coenen M, Vervuert I (2020): Pferdefütterung. Begründet von H. Meyer. 6., aktualisierte Aufl., Georg Thieme Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-13-241778-6Standardreferenzwerk der Pferdeernährung im deutschsprachigen Raum; Tab. 4.17 Mineralstoffempfehlungen (Versorgungsempfehlung und Minimalbedarf), Tab. 4.18 abgeleitete Schweißmengen je Arbeitsstufe und Gewichtsklasse, Tab. 4.19 Elektrolyt-Leistungsbedarf je Schweißmenge (zusätzlich zum Erhaltungsbedarf)
  7. Verein Futtermitteltest (VFT) e.V.: Neuerungen zum Mineralstoff- und Vitaminbedarf und zur Versorgung in der Pferdefütterung (Merkblatt MB 287)Zusammenfassung der GfE-2014-Änderungen; enthält den Mineralstoffbedarf je Arbeitsstufe (600 kg) nach Coenen/Vervuert 6. Aufl. und GfE 2014, die Schweiß-Elektrolytverluste (3,1 g Na und 5,5 g Cl je Liter) sowie die GfE-2014-Vitaminversorgung je Tag (600-kg-Warmblut: Vitamin E 610–1.220 mg Erhaltung, 1.220–2.420 mg Arbeit) und den Hinweis, dass Grundfutter v. a. nach längerer Lagerung nur geringe Vitamingehalte aufweist. Sekundärquelle; Primärwerke sind gesondert im Quellenverzeichnis hinterlegt.
  8. Kerr MG, Snow DH (1983): Composition of sweat of the horse during prolonged epinephrine (adrenaline) infusion, heat exposure, and exercise. American Journal of Veterinary Research 44(8):1571 ff.Pferdeschweiß war unter allen drei Reizen hyperton für Natrium, Kalium und Chlorid; die Ionenverhältnisse hängen vom auslösenden Reiz ab
  9. McCutcheon LJ, Geor RJ (1998): Sweating. Fluid and ion losses and replacement. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 14(1):75–95Pferdeschweiß ist eine isotone bis leicht hypertone Sekretion mit Natrium, Chlorid und Kalium als Hauptionen; die Zusammensetzung ist weitgehend schweißratenabhängig und wird von Umgebungsbedingungen und Belastungsintensität beeinflusst
  10. Lindinger MI (2022): Oral Electrolyte and Water Supplementation in Horses. Veterinary Sciences 9(11):626Übersichtsarbeit zu oraler Elektrolyt- und Wassergabe: Pferdeschweiß enthält deutlich mehr Natrium, Chlorid und Kalium als menschlicher Schweiß; orale Lösungen sollen hypoton sein (Zielwert rund 200 mOsm/l), weil höhere Osmolarität die Magenentleerung hemmt. Hochkonzentrierte Gaben ohne ausreichend Wasser ziehen Flüssigkeit aus dem Blut in den Verdauungstrakt
  11. Schryver HF, Parker MT, Daniluk PD, Pagan KI, Williams J, Soderholm LV, Hintz HF (1987): Salt consumption and the effect of salt on mineral metabolism in horses. Cornell Veterinarian 77(2):122–131Freiwillige Salzaufnahme erwachsener, nicht gearbeiteter Pferde über bis zu 45 Wochen: 19–143 g pro Tag, im Mittel 53 g, umgekehrt proportional zur Gesamtsalzaufnahme. Salz bis 5 % der Ration beeinträchtigte den Stoffwechsel anderer Mineralstoffe nicht
  12. Jansson A, Dahlborn K (1999): Effects of feeding frequency and voluntary salt intake on fluid and electrolyte regulation in athletic horses. Journal of Applied Physiology 86(5):1610–16166 Sportpferde; freiwillige Salzaufnahme 0–62 mg je kg Körpermasse und Tag – einzelne Pferde nahmen gar kein Salz auf
  13. Murphy B, Catalano DN (2026): Effect of form on equine salt intake. Journal of Equine Veterinary Science 163:10592316 Pferde, vier Perioden à 7 Tage: Block- gegen Losesalz ohne Effekt der Darreichungsform, aber starker Tiereffekt. Aufnahme 2–135 g pro Tag; über die Hälfte der Pferde nahm weniger auf, als der Bedarf erfordert
  14. Holbrook TC, Simmons RD, Payton ME, MacAllister CG (2005): Effect of repeated oral administration of hypertonic electrolyte solution on equine gastric mucosa. Equine Veterinary Journal 37(6):501–50414 Pferde: 56,7 g Elektrolytpulver in nur 60 ml Wasser, stündlich über 8 Stunden per Maulspritze, erhöhte Anzahl und Schweregrad von Läsionen im nichtdrüsigen Magenabschnitt signifikant gegenüber Placebo
  15. Alshut F, Venner M, Martinsson G, Vervuert I (2023): The effects of feeding sodium chloride pellets on the gastric mucosa, acid-base, and mineral status in exercising horses. Journal of Veterinary Internal MedicinePlacebokontrolliertes Crossover an 15 Warmbluthengsten über zweimal 19 Tage: 600 g Kochsalz-Pellet täglich mit dem Futter zeigte keine klinisch relevanten negativen Effekte auf die Magenschleimhaut; Serum-Magnesium und -Calcium sanken leicht, aber signifikant
  16. Pagan JD, Waldridge BM, Lange J, Brown-Douglas CG, Huntington PJ (2012): Effect of Dextrose Supplementation on Electrolyte and Water Absorption in Resting Thoroughbreds. Proceedings of the Australasian Equine Science Symposium 44 Vollblutwallache: Dextrose beeinflusste weder Rate noch Dauer des Natriumanstiegs nach Elektrolytgabe. Konferenzbeitrag eines kommerziellen Forschungsunternehmens, sehr kleine Tierzahl – Einzelbefund, kein belastbarer Gegenbeweis
  17. Maier I, Kienzle E (2024): A Meta-Analysis on Quantitative Calcium, Phosphorus and Magnesium Metabolism in Horses and Ponies. Animals 14(19):2765 (LMU München)Meta-Analyse: Schweißverluste von Ca, P und Mg sind so gering, dass kein zusätzlicher arbeitsbedingter Bedarf angesetzt wird. Zum Mg rechnet sie den Ersatz endogener Kotverluste und trennt nach Gewicht (Pferde > 300 kg: 37, Ponys < 300 kg: 11 mg/kg metabolische Körpermasse; ein zeitweise schwereres Pony blieb der Ponygruppe zugeordnet); die Vergleichsfaktoren (Pferde rund 1,9×, Ponys rund ½) beziehen sich auf Kienzle & Burger (20 mg/kg), nicht auf die GfE
  18. Verordnung (EG) Nr. 767/2009Inverkehrbringen und Verwendung von Futtermitteln, Kennzeichnung und Claims; Begriffe Alleinfuttermittel (Art. 3 Abs. 2 Buchst. i) und Ergänzungsfuttermittel (Buchst. j), Gehalt an Futtermittelzusatzstoffen (Art. 8), Fütterungshinweise (Anhang II Nr. 4). Link auf die aktuelle EUR-Lex-Konsolidierung (Stand 26.12.2018).