Dieser Artikel ist fachlich noch nicht freigegeben. Die Angaben beruhen auf den unten aufgeführten Quellen.
Jod beim Pferd: Bedarf, Quellen und sichere Ergänzung
Selens Zwilling – nur dass hier beide Enden gefährlich sind. Wie viel GfE und NRC nennen (und warum sie sich diesmal uneinig sind), warum ein Kropf für zu wenig genauso wie für zu viel Jod steht, warum Seealgen die häufigste Überversorgungsfalle sind und weshalb Jod nur mit Laborwert ergänzt wird.

Jod ist wie Selen ein Spurenelement mit engem Fenster – aber mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Jod sind beide Enden gefährlich. Zu wenig und zu viel führen zum selben sichtbaren Zeichen, und genau das macht die Ergänzung heikel.
Funktionell ist Jod essenzieller Baustein der Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3); diese Hormone steuern den Grundstoffwechsel sowie Wachstum und Entwicklung 1. Fehlt Jod, kann die Schilddrüse nicht genügend Hormon bilden – der Körper antwortet mit mehr TSH, und die Drüse vergrößert sich 1.
Wie viel braucht das Pferd?
Hier sind sich die Referenzen ausnahmsweise uneinig – anders als bei Selen, wo GfE und NRC sich treffen. Die Gruber Tabelle nennt nach GfE 2014 für ein 600-kg-Warmblut in der Erhaltung 1,8 mg Jod pro Tag 23. Das NRC rechnet mit 0,35 mg je kg Futter-Trockensubstanz, was für dasselbe Pferd rund 4,2 mg am Tag ergibt 45 – also mehr als das Doppelte.
| Referenz | 500 kg | 600 kg |
|---|---|---|
| GfE 2014 (Gruber Tab. 20) | – | 1,8 mg/Tag |
| NRC 2007 (0,35 mg/kg TS) | ≈ 3,5 mg/Tag | ≈ 4,2 mg/Tag |
Jod-Erhaltungsbedarf. GfE als tabellierter Tageswert, NRC als Konzentration je kg Futter-Trockensubstanz. Die beiden Referenzen liegen hier deutlich auseinander.
Die U-Kurve: zu wenig und zu viel enden gleich
Das ist der Kern des Artikels. Jodmangel senkt die Hormonbildung, treibt TSH hoch und lässt die Schilddrüse anschwellen – Kropf mit Zeichen einer Unterfunktion 1. Doch auch zu viel Jod führt zu Kropf und Unterfunktion: Hohe Jodkonzentrationen hemmen die Hormonbildung in der Drüse selbst, ab einer kritischen Menge bricht die Produktion ein 1.
Ein vergrößerter Kropf ist deshalb gerade kein eindeutiges Zeichen für „zu wenig Jod" – er tritt an beiden Enden der Kurve auf. Blindes Aufsupplementieren kann das Problem also verschlimmern statt lösen.
Die Kelp-Falle und die tragende Stute
Die häufigste Überversorgungsquelle sind Mineralzusätze aus Seealgen (Kelp): Ihr Jodgehalt ist sehr hoch und schwankt stark nach Art, Erntezeit und Trocknung, sodass sich die Wirkung kaum vorhersagen lässt. Mehrere dokumentierte Kropffälle bei Stuten und Fohlen standen im Zusammenhang mit großen Mengen getrockneter Seealge im Futter 15.
Besonders empfindlich ist das ungeborene und neugeborene Fohlen: Die fetale Schilddrüse reagiert stärker als die adulte, und die Stute gibt Jod über Plazenta und Milch weiter – an jodreicher Ration überdurchschnittlich viel 1. So bekommt das Fohlen zu viel Jod sowohl im Mutterleib als auch über die Milch. Eine Jodvergiftung ist bei tragenden Stuten schon ab rund 40 mg pro Tag beobachtet worden 5 – gemessen am Bedarf von wenigen Milligramm ist das nur etwa Faktor 10.
Wie viel ist zu viel – und warum nicht die EU-Grenze zählt
Für Equiden gilt ein gesetzlicher Höchstgehalt von 4 mg Jod je kg Alleinfutter (bei 12 % Feuchte), empfohlen werden 3 mg/kg 6. Anders als bei Selen ist diese rechtliche Grenze bei Jod aber nicht die zuerst greifende: Zwischen Bedarf (rund 0,15–0,35 mg/kg TS) und EU-Grenze liegt viel Luft. Die eigentliche Leitplanke ist die biologische Toleranz – und die ist bei tragender Stute und Fohlen deutlich enger als das Gesetz 5.
Merck zieht daraus einen klaren Schluss: Außer in nachweislich stark jodarmen Regionen ist eine Jod-Ergänzung beim Pferd meist nicht nötig 5.
Quellen – und warum nur mit Laborwert
Auf nicht jodarmen Böden gewachsenes Raufutter deckt den Jodbedarf in der Regel; jodiertes Salz und übliche Mineral- oder Kraftfutter decken ihn leicht 5. Der Umkehrschluss zählt für die eigene Ration: reines, nicht jodiertes Kochsalz liefert kein Jod – unser Salzmodul besteht bewusst aus reinem Natriumchlorid und trägt daher nichts zur Jodversorgung bei. Wer Jod deckt, tut es über jodiertes Salz oder ein jodhaltiges Mineralfutter – und muss dann darauf achten, dass sich mehrere Quellen (Mineralfutter, Kelp, jodiertes Salz) nicht aufsummieren.
Weil ein Kropf die Richtung nicht verrät (siehe oben) und das Fenster in beide Richtungen eng ist, gilt: kein pauschales Aufsupplementieren. Ob die Ration Jod liefert, zeigt eine Futter- oder Rationsanalyse, nicht das Erscheinungsbild 78. Eine automatische Jod-Dosierempfehlung geben wir deshalb nur bei belegtem Laborwert frei – ohne Analyse fällt das Jodmodul ganz aus der Empfehlung, auch wenn die Rechnung eine Lücke zeigt. Das ist dieselbe Logik wie bei Selen.
Bedarfsspitzen und Grenzen der Aussage
In Zucht und Wachstum steigt der Jodbedarf nach GfE nur moderat – die Gruber Tabelle nennt für tragende und laktierende Stuten je rund 1,8 mg, für wachsende Pferde bis 2 mg pro Tag 2. Die eigentliche Gefahr in diesen Gruppen ist nicht der knappe Bedarf, sondern die Empfindlichkeit gegenüber Überschuss.
Fohlen, Jungpferde in der Aufzucht sowie tragende und laktierende Stuten gehören deshalb in tierärztliche und züchterische Beratung und liegen hinter dem Sicherheits- und Beratungs-Gate. Kropf und Schilddrüsenstörungen sind kein Fütterungsprojekt zum Selbstlösen, sondern ein Fall für den Tierarzt 1.
Quellen & Studien
Die Inhalte basieren auf den unten genannten Referenzen. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.
Quellenliste anzeigen (8)
- Merck Veterinary Manual: Goiter in AnimalsTierärztliches Standardnachschlagewerk (Endokrinologie): Kropf (Struma) entsteht sowohl bei Jodmangel (niedrige Hormonspiegel → erhöhtes TSH → Hyperplasie) als auch bei Jodüberschuss (hohe Jodkonzentrationen hemmen Organifikation und Hormonausschüttung); die fetale Schilddrüse reagiert empfindlicher als die adulte; Fohlen erhalten überschüssiges Jod im Mutterleib und über die Milch, weil Stuten an jodreicher Ration mehr Jod in die Milch abgeben; Kelp-haltige Mineralergänzungen sind eine häufige Quelle für Jodüberschuss; goitrogene Pflanzen (Kohl, Raps, Grünkohl, Rüben, Soja) können Kropf begünstigen. Der Kropf ist damit kein eindeutiger Indikator der Jodversorgung.
- Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Gruber Tabelle zur PferdefütterungPraxis-Referenztabelle mit Bedarfs- und Futterwerten auf Basis der GfE-Empfehlungen; Grundlage vieler Rationsberechnungen im deutschsprachigen Raum. Kapitel 9.3, Tab. 39: häufigste Giftpflanzen für Pferde mit Standort, Toxizität und Risikostufe (nach Kamphues et al. 2014)
- GfE (2014) – Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von PferdenFachreferenz im deutschsprachigen Raum (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie), Ausschuss für Bedarfsnormen
- NRC – Nutrient Requirements of Horses, 6th ed.Internationale Referenz für Nährstoffbedarfe von Pferden (National Research Council)
- Merck Veterinary Manual: Nutritional Requirements of Horses and Other EquidsWiedergabe der NRC-Empfehlungen: Wasserbedarf 5 Liter je 100 kg Körpermasse und Tag in Erhaltung, Schweißverluste rund 3,1 g Natrium, 5,3 g Chlorid und 1,6 g Kalium je Liter, Salzempfehlung 1,6–1,8 g je kg Futtertrockenmasse bei maximal 6 % der Ration; ab 50 % Raufutteranteil ist Kalium ausreichend gedeckt. Deckt außerdem den Selenbedarf ab (0,1 mg/kg Futtertrockenmasse bzw. mindestens 1 mg/Tag beim 500-kg-Pferd, Selen als Bestandteil der Glutathionperoxidase gemeinsam mit Vitamin E) sowie die starke standortabhängige Streuung des Grundfutter-Selens (Grasfutter im Mittel 0,194 ppm, Spanne 0–1,2 ppm); einzelne Regionen sind ausgeprägt selenarm und können Ergänzungsbedarf haben. Nennt zudem den Jodbedarf (0,35 mg/kg Futtertrockenmasse, hochtragende Stuten 0,4), die Jodvergiftung tragender Stuten schon ab rund 40 mg/Tag, dokumentierte Kropffälle bei Stuten und ihren Fohlen im Zusammenhang mit großen Mengen getrockneter Seealge (Kelp), dass jodiertes Salz den Bedarf leicht deckt und dass außer in stark jodarmen Regionen eine Jod-Ergänzung meist nicht nötig ist
- Durchführungsverordnung (EU) 2015/861Zulassung von Kaliumiodid, wasserfreiem Calciumiodat und umhülltem Calciumiodat-Granulat (Kennnummern 3b201 bis 3b203); Gesamt-Höchstgehalt Jod für Equiden 4 mg/kg Alleinfutter (12 % Feuchte). Der Anhang nennt unter den sonstigen Bestimmungen zusätzlich einen empfohlenen Höchstgehalt von 3 mg/kg (nicht der verbindliche Wert). Zulassungsende laut Anhang 24.06.2025; Erneuerungsverfahren siehe EFSA-Gutachten. Laut EU-Register der Futtermittelzusatzstoffe (Stand 15.10.2026) ist ein Erneuerungsantrag nach Art. 14 VO (EG) 1831/2003 gestellt; die Zulassung gilt fort.
- Weender Futtermittelanalyse (Weender Analysensystem)Standardverfahren zur Bestimmung von Rohnährstoffen (Rohprotein, Rohfaser, Rohfett, Rohasche) als Basis von Futter- und Heuanalysen
- VDLUFA – Methodenbuch III (Futtermittel)Referenzmethoden landwirtschaftlicher Untersuchungslabore (LUFA) für die Analytik von Futter- und Raufuttermitteln