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Getreidefreies Pferdefutter: Wann es sinnvoll ist

Was „getreidefrei“ bei Kraftfutter und Mineralfutter heißt, warum es nicht automatisch zucker- und stärkearm bedeutet und für welche Pferde weniger Stärke tatsächlich zählt.

Gezeichnete Schale mit Faserpellets neben einer durchgestrichenen Getreideähre und einem Etikett mit Zutatenliste.
Erklärende Illustration · Equivora

Die kurze Antwort

Getreidefrei heißt nur, dass kein Getreide in der Zusammensetzung steht 1. Zucker und Stärke können trotzdem aus Melasse, Kartoffel oder Erbsen kommen 2. Sinnvoll ist weniger Stärke vor allem bei Insulindysregulation, Magenproblemen oder PSSM 34. Viele Pferde brauchen ohnehin kein Kraftfutter; dann ist die Frage nach getreidefrei schnell beantwortet.

Was „getreidefrei“ auf dem Etikett heißt

Die Kennzeichnung eines Futtermittels nennt die Einzelfuttermittel in der Zusammensetzung, dazu analytische Bestandteile und Zusatzstoffe 1. Ob Hafer, Gerste, Mais oder Weizen enthalten sind, liest du dort ab. Der Begriff „getreidefrei“ sagt nur, was fehlt, nicht, was stattdessen drin ist.

Häufige Ersatzstoffe sind Faserträger wie Luzerne, Wiesengras, Rübenschnitzel oder Leinsaat, aber auch Erbsen, Kartoffeleiweiß oder Melasse. Melasse ist stark zuckerhaltig, mit über 50 % Zucker. Erbsen enthalten laut Gruber Tabelle rund 48 % Stärke in der Trockenmasse, gedämpfte Kartoffeln rund 67 % 2. Getreidefrei heißt also nicht automatisch stärke- oder zuckerarm.

Stärke ist nicht gleich Stärke

Wie gut Stärke im Dünndarm verdaut wird, hängt von ihrer Quelle und Aufbereitung ab. In Verdauungsversuchen unterschied sich die Verdaulichkeit vor dem Dickdarm zwischen Getreide-, Kartoffel- und Maniokstärke 5. Haferstärke war darin gut verdaulich.

Größere Stärkemengen je Mahlzeit können den Dünndarm überfordern, sodass unverdaute Stärke in den Dickdarm gelangt 6. Für die Praxis zählt deshalb die Menge, die dein Pferd je Mahlzeit bekommt, nicht nur die Herkunft.

Für welche Pferde weniger Stärke zählt

Für ein gesundes Pferd mit mäßigem Energiebedarf ist Getreide in kleinen Mengen kein Problem; dort entscheidet die Gesamtration, ob überhaupt Kraftfutter nötig ist. Weniger Stärke zählt vor allem in diesen Fällen:

  • Insulindysregulation (EMS) und insulinassoziierte Hufrehe: kein Getreide, Heu mit weniger als 10 % NSC 3.
  • Magenprobleme: Mehr als 1 g Stärke je kg Körpergewicht und Mahlzeit war in einer Studie mit Magenbefunden assoziiert 47.
  • PSSM: Raufutter als Basis, wenig Stärke, Energie eher aus Fett 8.

Getreidefreies Mineralfutter

Bei Mineralfutter steckt Getreide meist als Trägerstoff im Produkt. Bei Tagesmengen von wenigen Gramm bis etwa 100 g trägt es wenig Stärke bei. Wer konsequent getreidefrei füttert, prüft trotzdem die Zusammensetzung 1.

Wichtiger als der Träger sind die Gehalte an Mineralstoffen und Spurenelementen, umgerechnet auf deine Tagesmenge. Erst damit siehst du, ob das Produkt zu deinem Heu passt.

Das kannst du mitnehmen

  • Die Zusammensetzung zeigt, ob Getreide enthalten ist; der Produktname allein nicht 1.
  • Getreidefrei ist nicht dasselbe wie zucker- oder stärkearm 2.
  • Bei EMS empfiehlt die Leitlinie kein Getreide und NSC-armes Heu 3.
  • Für den Magen zählt die Stärkemenge je Mahlzeit, nicht das Etikett 47.

Häufige Fragen

Ist getreidefreies Futter automatisch gut bei EMS?

Nein. Für EMS zählt der Gehalt an Zucker, Fruktan und Stärke (NSC) der ganzen Ration 3. Ein getreidefreies Müsli mit Melasse kann mehr Zucker liefern als erwartet. Prüfe Zusammensetzung und, wenn angegeben, Zucker- und Stärkegehalt.

Was bedeutet getreidefreies Mineralfutter?

Das Mineralfutter enthält kein Getreide als Trägerstoff. Ob es dafür andere zucker- oder stärkehaltige Träger enthält, steht in der Zusammensetzung 1. Bei kleinen Tagesmengen von wenigen Gramm ist der Beitrag zur Stärke meist gering; entscheidend bleiben die Mineralstoffwerte.

Braucht mein Pferd überhaupt Kraftfutter?

Viele Freizeitpferde decken ihren Energiebedarf mit gutem Heu und brauchen nur noch eine Mineralstoffergänzung 6. Kraftfutter wird erst nötig, wenn Arbeit oder Körperzustand mehr Energie verlangen.

Quellen & Studien

Die Inhalte basieren auf den unten genannten Referenzen. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.

Quellenliste anzeigen (8)
  1. Verordnung (EG) Nr. 767/2009Inverkehrbringen und Verwendung von Futtermitteln, Kennzeichnung und Claims; Begriffe Alleinfuttermittel (Art. 3 Abs. 2 Buchst. i) und Ergänzungsfuttermittel (Buchst. j), Gehalt an Futtermittelzusatzstoffen (Art. 8), Fütterungshinweise (Anhang II Nr. 4). Link auf die aktuelle EUR-Lex-Konsolidierung (Stand 26.12.2018).
  2. Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Gruber Tabelle zur PferdefütterungPraxis-Referenztabelle mit Bedarfs- und Futterwerten auf Basis der GfE-Empfehlungen; Grundlage vieler Rationsberechnungen im deutschsprachigen Raum. Kapitel 9.3, Tab. 39: häufigste Giftpflanzen für Pferde mit Standort, Toxizität und Risikostufe (nach Kamphues et al. 2014)
  3. Bertin FR, Bailey S, Burns T, de Laat M, Durham A, Frank N, Kritchevsky J, Menzies-Gow N (Equine Endocrinology Group, 2024): Recommendations for the Diagnosis and Management of Equine Metabolic Syndrome (EMS) and Insulin Dysregulation. Revised June 2024Tierärztliche Expertenempfehlung, geprüft am 30.09.2026. Tab. 1: HAL ist mit über 90 % die häufigste Hufreheform; NSC = wasserlösliche Kohlenhydrate plus Stärke, NFC-Subtraktionsformeln nicht mehr empfohlen; NSC als Hauptauslöser der Insulinausschüttung. Risikofaktoren: NSC-reiche Ration, Alter, PPID; Übergewicht verstärkend, aber nicht konstant. Tab. 5: Heu < 10 % NSC; zur Gewichtsabnahme 1,5 % der Körpermasse als Trockensubstanz (1,7 % wie gefüttert), Kontrolle alle 30 Tage, Untergrenze 1,2 %; Stress vermeiden wegen Hyperlipämierisiko; Stroh bis ca. 50 % schrittweise; Heu ≥ 60 Min. in kaltem Wasser wässern, wenn NSC > 10 % oder nicht analysiert; Heunetz/kleine Mahlzeiten; zuckerarmer Mineral-/Vitamin-/Proteinausgleich; Weide begrenzen, Wiederaufnahme erst nach abgeklungener Rehe und Insulintest; Weide-NSC schwankt mit Temperatur, Licht, Niederschlag, Düngung; höhere Insulinwerte im Winter; Bewegung nur ohne aktive Hufrehe. FAQ: Insulindysregulation bei etwa 30 % der PPID-Pferde; ab 10 Jahren auf PPID und ID testen. Empfehlung für Tierärzte, keine Halteranleitung.
  4. Luthersson N, Nielsen KH, Harris P, Parkin TDH (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal 41(7):625–630Querschnittsstudie an 201 Pferden aus 23 dänischen Ställen. Signifikante Risikofaktoren: Stroh als einziges Raufutter, Stärkeaufnahme über 2 g/kg KM/Tag bzw. über 1 g/kg KM/Mahlzeit, fehlender Wasserzugang im Auslauf; für die drüsenlose Schleimhaut zusätzlich ein Fütterungsintervall über 6 Stunden. Assoziationen, keine Kausalnachweise
  5. Meyer H et al. (1995): Investigations on preileal digestion of starch from grain, potato and manioc in horses. Zentralblatt für Veterinärmedizin A 42(6):371–381Versuch an sieben fistulierten Pferden, je Diät mindestens vier Tiere; hohe präileale Verdaulichkeit von Haferstärke, Einfluss individueller Faktoren. Abstract geprüft; keine allgemeine sichere Hafermenge daraus abgeleitet.
  6. Coenen M, Vervuert I (2020): Pferdefütterung. Begründet von H. Meyer. 6., aktualisierte Aufl., Georg Thieme Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-13-241778-6Standardreferenzwerk der Pferdeernährung im deutschsprachigen Raum; Tab. 4.17 Mineralstoffempfehlungen (Versorgungsempfehlung und Minimalbedarf), Tab. 4.18 abgeleitete Schweißmengen je Arbeitsstufe und Gewichtsklasse, Tab. 4.19 Elektrolyt-Leistungsbedarf je Schweißmenge (zusätzlich zum Erhaltungsbedarf)
  7. Sykes BW, Hewetson M, Hepburn RJ, Luthersson N, Tamzali Y (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5):1288–1299Europäische Fachleitlinie: Untergrenze 1,5 kg Raufutter-Trockensubstanz je 100 kg Körpergewicht und Tag, Fresspausen über 6 Stunden vermeiden, Stärke unter 2 g/kg KM/Tag und unter 1 g/kg KM/Mahlzeit; Gastroskopie als einzige verlässliche Diagnose am lebenden Pferd; Wirkdauer oraler Antazida ≤ 2 Stunden
  8. Valberg SJ (2026): Exertional Myopathies in Horses. Merck Veterinary ManualFachübersicht, Stand Juli 2026, geprüft am 30.09.2026: PSSM1 durch dominant vererbte GYS1-Mutation, Nachweis per Gentest aus Blut oder Haaren; PSSM2 ohne GYS1-Mutation per Muskelbiopsie, viele PSSM2-Fälle bei Arabern und Warmblütern als myofibrilläre Myopathie (MFM) neu eingeordnet; Diätrahmen für PSSM: Raufutter 1,5–2 % der Körpermasse, über 15 % der verdaulichen Energie aus Fett, Stärke unter 10 % der verdaulichen Energie, Getreide begrenzen bzw. durch Fett ersetzen; zusätzlich allmählich gesteigerte tägliche Bewegung und Auslauf; bei unzureichendem Ansprechen bei PSSM2 6–8 Wochen MFM-Diät; Akutzeichen und Nierenrisiko bei Myoglobinurie. Vitamin-E-/Selenmangel nur als möglicher Beitrag zu sporadischer Belastungsmyopathie genannt.