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Eiweiß im Pferdefutter: Protein, Lysin und Überschuss
Wie Rohprotein, verdauliches Protein und Lysin zusammenhängen, warum mehr Eiweiß nicht automatisch mehr Muskeln bedeutet und wie du einen vermuteten Überschuss prüfst.

Die kurze Antwort
Für die Proteinversorgung zählen Menge, Verdaulichkeit und Aminosäuren der Gesamtration. Rohprotein und dünndarmverdauliches Protein sind verschiedene Bezugsgrößen. Lysin ist vergleichsweise gut untersucht; für andere Aminosäuren bleiben Wissenslücken. Aus einer pauschalen Eiweißzugabe folgt kein gesicherter Muskelzuwachs 1.
Protein ist der Baustoff des Körpers, nicht sein Treibstoff: Es liefert die Aminosäuren für Muskel-, Binde- und sonstiges Gewebe sowie für Enzyme 2. Einige dieser Aminosäuren sind unentbehrlich – das Pferd kann sie nicht selbst bilden und muss sie über die Ration aufnehmen. Die praktisch wichtigste davon ist Lysin 1.
Zwei Dinge werden beim Pferdeprotein regelmäßig verwechselt: wie viel Protein im Futter steht und wie viel davon tatsächlich ankommt. Genau darum geht es hier.
Rohprotein ist nicht gleich nutzbares Protein
Die klassische Weender-Analyse gibt „Rohprotein" als Stickstoff × 6,25 an – das ist der Gesamt-Stickstoff im Futter, nicht der Anteil, den das Pferd als Aminosäuren aufnimmt 3. Deshalb bewertet man Pferdeprotein seit den GfE-Empfehlungen als dünndarmverdauliches (präcaecal verdauliches) Rohprotein, kurz dvRP oder pcvXP: Nur was vor dem Dickdarm verdaut und als Aminosäure resorbiert wird, steht dem Stoffwechsel als Baustoff zur Verfügung 42.
Der Unterschied ist groß und hängt von der Futterart ab. Die präcaecale Stickstoff-Verdaulichkeit liegt bei Raufutter nur bei rund 27–41 %, bei Kraftfutter bei rund 58–72 % 1. Der große Rest des Raufutter-Stickstoffs wird erst im Dickdarm mikrobiell abgebaut und überwiegend als Ammoniak resorbiert – daraus kann das Pferd keine unentbehrlichen Aminosäuren bilden, dieser Stickstoff geht als Harnstoff wieder verloren 1.
Wie viel braucht das Pferd?
Hier lohnt wie bei den Mineralstoffen der Blick auf beide Referenzwerke – mit einer wichtigen Warnung vorweg. Das NRC nennt den Rohproteinbedarf (CP) der Erhaltung, gestaffelt nach Temperament: 1,08 g (ruhig), 1,26 g (mittel) und 1,44 g (aktiv) je kg Körpergewicht und Tag 15. Die GfE bezieht ihren Bedarf dagegen auf das metabolische Körpergewicht und auf das verdauliche Protein: 3,0 g dvRP je kg KM^0,75 und Tag 467.
| Bezugsgröße | 500 kg | 600 kg |
|---|---|---|
| NRC Rohprotein, ruhig | 540 g | 648 g |
| NRC Rohprotein, mittel | 630 g | 756 g |
| NRC Rohprotein, aktiv | 720 g | 864 g |
| GfE dvRP (verdaulich) | ≈ 317 g | ≈ 364 g |
Erhaltungsbedarf je Tag. NRC nennt Gesamt-Rohprotein, GfE das verdauliche Protein (dvRP) – zwei verschiedene Messgrößen, nicht gegeneinander rechnen.
Dass GfE „364 g" und NRC „756 g" nennt, ist kein Widerspruch und heißt nicht, dass die GfE den halben Bedarf ansetzt. Es sind zwei verschiedene Größen: dvRP ist eine Teilmenge des Rohproteins – nur der verdauliche Anteil. Man darf die beiden Zahlen deshalb nicht ineinander umrechnen oder mitteln 41. Der Erhaltungsanteil bleibt über alle Lebenslagen gleich; Zuschläge für Wachstum, Trächtigkeit, Laktation und Arbeit kommen additiv obendrauf. Die konkrete Rechenlogik dazu steht im Artikel zur Bedarfsberechnung.
Lysin, Threonin und die Frage, was zuerst fehlt
Eine limitierende Aminosäure ist die, deren Mangel zuerst begrenzt, wie gut das übrige Protein verwertet werden kann – wie der zu kurze Dachbalken, der bestimmt, wie hoch das ganze Dach werden kann. Bei Schwein und Geflügel ist das an getreidebasierten Rationen das Lysin, und diese Faustregel wird oft unbesehen aufs Pferd übertragen.
Belastbar ist beim Pferd zunächst nur eines: Lysin ist die einzige Aminosäure, deren Bedarf auf direkten Dosis-Wirkungs-Studien beruht – Stickstoffretention und Wachstum 1. Dieser Bedarf liegt bei 36 mg je kg Körpergewicht als Minimum, 54 mg je kg als Optimum, alternativ rund 4,3 % des Rohproteinbedarfs 1.
| Körpergewicht | Minimum (36 mg/kg) | Optimum (54 mg/kg) |
|---|---|---|
| 500 kg | 18,0 g | 27,0 g |
| 600 kg | 21,6 g | 32,4 g |
Lysinbedarf Erhaltung je Tag, nach Mok & Urschel (2020) auf NRC-Basis.
Für Methionin und Threonin führt die deutschsprachige Bedarfsnorm zwar tabellierte Werte (Threonin liegt darin, wie erwähnt, über Lysin), doch fehlt für beide bislang eine durch direkte Fütterungsstudien am Pferd abgesicherte Bedarfszahl; die Threonin-Schätzungen streuen zwischen 53 und 80 % der Lysinaufnahme 16. Welche Aminosäure in der faserreichen Pferderation tatsächlich zuerst limitiert, ist damit nicht abschließend geklärt. Klar ist nur die praktische Konsequenz: Aus einer einzelnen Aminosäure lässt sich keine Wirkung auf Huf, Horn oder Fell ableiten – solche Versprechen sind nicht gedeckt 1.
Qualität vor Menge
Eine im Review beschriebene Erhebung an 201 Pferden fand eine mittlere Rohproteinaufnahme von 157 % der NRC-Empfehlung. Das ist ein Befund dieser Gruppe, keine Aussage, dass jedes Pferd zu viel Protein bekommt. In einer dort besprochenen Traberuntersuchung führte die höhere Proteinversorgung nicht zu stärkerem Zuwachs, wohl aber zu höherer Wasseraufnahme, Stickstoffausscheidung und Harnvolumen 1.
Auch die Energieversorgung gehört dazu: Die Übersicht beschreibt Gewichtsverlust bei Energiemangel trotz Proteinaufnahme. Daraus folgt für die Rationsprüfung, Energie und nutzbares Protein gemeinsam zu bewerten. Überschüsse sind keine abgesicherte Muskelaufbaustrategie 1.
Was Grund- und Kraftfutter liefern
Grasheu deckt den Erhaltungsbedarf an Protein bei erwachsenen Pferden in der Regel; entscheidend ist aber die Kombination aus Menge und Verdaulichkeit. Der Rohproteingehalt von Grasheu schwankt stark mit Botanik, Schnittzeitpunkt und Aufwuchs und sinkt mit zunehmender Überständigkeit – spätes, stängeliges Heu ist protein- und verdaulichkeitsärmer 21.
Bei der Proteinqualität liefern Leguminosen wie Luzerne und Sojaextraktionsschrot mehr und höherwertiges Protein als Gräser; Sojaschrot ist die klassische lysinreiche Ergänzungskomponente – in den Wachstumsversuchen, aus denen die Lysinevidenz stammt, wurde Lysin genau darüber ergänzt 12. Genau dort setzt eine gezielte Aminosäurenergänzung an: bei Rationen mit knappem verdaulichem Protein oder Lysin, etwa bei überständigem Heu.
Kann zu viel Eiweiß Haut- oder Magenprobleme erklären?
Aus den hier genannten Ernährungsquellen wird kein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem Proteinüberschuss und Sommerekzem oder Magengeschwüren abgeleitet. Eine vermutete Überversorgung braucht eine Rationsprüfung; die Beschwerden brauchen unabhängig davon eine tierärztliche Abklärung. Die Hautleitlinie trennt Insektenüberempfindlichkeit und vermutete Futterallergien, die Magenfachinformation beschreibt unspezifische Zeichen und eine eigene Diagnostik 89.
- Was liefern Analysewerte und tatsächliche Aufnahmemengen?
- Welche Protein-Bezugsgröße wird mit welchem Bedarf verglichen?
- Welche tierärztlichen Befunde liegen unabhängig von der Fütterungsvermutung vor?
Bedarfsspitzen und Aussagegrenzen
Deutlich mehr Protein und Lysin brauchen Pferde in Wachstum, Trächtigkeit und Laktation – für die laktierende Stute gibt es sogar eine eigene Bedarfsformel, und gerade aus dem Wachstum stammt die belastbare Lysinevidenz 1. Das sind zugleich die Gruppen, für die keine automatische Empfehlung ausgegeben wird: Fohlen, Jungpferde in der Aufzucht sowie tragende und laktierende Stuten gehören in die fachliche und tierärztliche Beratung, weil hier der Bedarf am höchsten ist und Fehler am schwersten wiegen.
Steuerbar und belegbar ist die Zufuhr über die Ration – dafür braucht es eine Futter- oder Heuanalyse 310. Plasma-Aminosäurespiegel sind eine Forschungsmethode zur Bedarfsschätzung, kein Routinetest für den Stall 1.
Das kannst du mitnehmen
Häufige Fragen
Woran erkenne ich zu viel Eiweiß?
Prüfe Futteraufnahme, Analysewerte und Bedarf auf derselben Bezugsbasis. Eine einzelne Beobachtung oder ein hoher Rohprotein-Prozentwert ersetzt diese Bilanz nicht; die Verdaulichkeit ist mit zu berücksichtigen 1.
Macht mehr Eiweiß mehr Muskeln?
Das lässt sich nicht allgemein zusagen. Die Übersicht beschreibt ausbleibenden Mehrzuwachs bei Proteinüberschüssen und die Bedeutung der Energieversorgung. Mehr Rohprotein ist daher keine Abkürzung zum Muskelaufbau 1.
Quellen & Studien
Die Inhalte basieren auf den unten genannten Referenzen. Sie ersetzen keine individuelle tierärztliche oder fütterungsfachliche Beratung.
Quellenliste anzeigen (10)
- Mok CH, Urschel KL (2020): Amino acid requirements in horses (Invited Review). Asian-Australasian Journal of Animal Sciences 33(5):679–695Übersicht zum Aminosäurebedarf: quantitativ etabliert ist beim Pferd im Wesentlichen nur Lysin; für Methionin/Threonin liegen keine belastbaren Bedarfszahlen vor
- Coenen M, Vervuert I (2020): Pferdefütterung. Begründet von H. Meyer. 6., aktualisierte Aufl., Georg Thieme Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-13-241778-6Standardreferenzwerk der Pferdeernährung im deutschsprachigen Raum; Tab. 4.17 Mineralstoffempfehlungen (Versorgungsempfehlung und Minimalbedarf), Tab. 4.18 abgeleitete Schweißmengen je Arbeitsstufe und Gewichtsklasse, Tab. 4.19 Elektrolyt-Leistungsbedarf je Schweißmenge (zusätzlich zum Erhaltungsbedarf)
- Weender Futtermittelanalyse (Weender Analysensystem)Standardverfahren zur Bestimmung von Rohnährstoffen (Rohprotein, Rohfaser, Rohfett, Rohasche) als Basis von Futter- und Heuanalysen
- GfE (2014) – Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von PferdenFachreferenz im deutschsprachigen Raum (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie), Ausschuss für Bedarfsnormen
- NRC – Nutrient Requirements of Horses, 6th ed.Internationale Referenz für Nährstoffbedarfe von Pferden (National Research Council)
- Kienzle, Pankratz & Zeyner (2023) – Kompendium zur Rationsberechnung für PferdeAutorengemeinschaft Pferdewissen (Kienzle/Pankratz, LMU München; Zeyner, Univ. Halle-Wittenberg); Eigenverlag Oberschleißheim, ISBN 978-3-00-075668-9. Kein Link – Eigenverlag, nicht frei zugänglich.
- Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Gruber Tabelle zur PferdefütterungPraxis-Referenztabelle mit Bedarfs- und Futterwerten auf Basis der GfE-Empfehlungen; Grundlage vieler Rationsberechnungen im deutschsprachigen Raum. Kapitel 9.3, Tab. 39: häufigste Giftpflanzen für Pferde mit Standort, Toxizität und Risikostufe (nach Kamphues et al. 2014)
- Marsella R et al. (2023): Equine allergic skin diseases: Clinical consensus guidelines of the World Association for Veterinary Dermatology. Veterinary Dermatology 34(3):175–208Offene Konsensusleitlinie (Literatur bis November 2022), DOI 10.1111/vde.13168: Insektenallergie, Insektenvermeidung, Diagnosegrenzen und schwache Fütterungsevidenz. Keine Gleichsetzung von Sommerekzem mit Futterallergie oder Eiweißüberschuss.
- Merck Veterinary Manual: Gastric Ulcers in HorsesTierärztliches Standardnachschlagewerk: die sichere Diagnose erfordert eine gastroskopische Darstellung am nüchternen Magen, klinische Zeichen allein genügen nicht
- VDLUFA – Methodenbuch III (Futtermittel)Referenzmethoden landwirtschaftlicher Untersuchungslabore (LUFA) für die Analytik von Futter- und Raufuttermitteln